PCR-Mangel und PPWR: Status und Strategien

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BP Consultants hat im Auftrag von Interzero einen umfassenden Lagebericht zur zunehmenden PCR-Knappheit unter den Anforderungen der PPWR erarbeitet. Die Kernergebnisse stellen wir Ihnen in diesem Artikel vor. Wir beleuchten die zentrale Rolle von PCR (Post-Consumer-Recyclates) in der EU-Agenda, bieten einen Status des aktuellen Rezyklateinsatzes, beleuchten die Ursachen der PCR-Knappheit, gehen auf mechanisches und chemisches Recycling ein und geben konkrete Handlungsempfehlungen für Markenartikler und Kunststoffindustrie. Außerdem verlinken wir Ihnen unser Whitepaper für Interzero sowie unseren Vortrag zum Thema auf der jüngsten Future Ressources Konferenz.

 

Grundlagen des Berichts

Der umfassende Lagebericht basiert auf zwei zentralen Arbeiten von BP Consultants:

  • Der Modellierung eines Stoffstromszenarios für Kunststoffverpackungen 2030 und
  • einer qualitativen Stakeholder-Befragungen in Form von Experteninterviews zur Ermittlung eines fundierten Meinungs- und Stimmungsbildes zur heutigen
    und zur zukünftigen PCR-Verfügbarkeit. Befragt wurden Markenartikler, Hersteller von Kunststoff-Verpackungen und Experten aus der Recyclingbranche sowie von NGOs.

Executive Summary

Die neue Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) verpflichtet alle Inverkehr­bringer von Verpackungen in der EU, ab 2030 definierte Mindestanteile an Post-Consumer-Rezyklaten einzusetzen. Doch schon heute ist hochwertiges PCR knapp und teuer. Fakt ist:

  • Das mechanisch recycelte Material reicht kaum für bestehende Ziele und das chemische Recycling steht erst am Anfang.
  • Die bereits bestehende Lücke wird größer. Selbst optimistisch gerechnet fehlen 2030 über 1 Million Tonnen PCR, um die Maßgaben der PPWR zu erfüllen zu können.
  • Auf Zeit spielen und auf Omnibusse warten, wird keine Lösung sein. 80 Prozent der Marktteilnehmer erwarten, dass die PPWR-Rezyklateinsatzquoten unverändert umgesetzt werden.

Die Konsequenz: Handeln ist jetzt Pflicht.

  • Ohne frühzeitige Investitionen in recyclingfähiges Design, Partnerschaften und Beschaffung drohen Versorgungsengpässe, Preissprünge und Compli­ance-Risiken.
  • Unternehmen, die bis 2030 zirkuläre Verpackungslösungen sicherstellen wollen, müssen jetzt strategische Weichen stellen – von Design-for-Recycling bis zum Direktzugang zu PCR-Quellen.

Die zentrale Rolle von PCR

Die Anfang 2025 in Kraft getretene Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) verpflichtet alle Inverkehrbringer von Verpackungen in der EU, ab 2030 definierte Mindestanteile an Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) einzusetzen. Der Einsatz von PCR ist ein zentraler Aspekt der PPWR.

Die PPWR wiederum ist ein zentraler Baustein des Europäischen Green Deal und des EU Circular Economy Action Plan. Beide verfolgen das Ziel, Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum dauerhaft zu entkoppeln. Verpackungen – insbesondere aus Kunststoff – stehen dabei im Zentrum, weil sie ein hohes Potenzial zur Ressourcenschonung, CO2-Reduktion und Rohstoffsicherung bieten.

 

Wo wir heute beim Rezyklateinsatz stehen

Der Markt für PCR-Materialien ist bereits heute angespannt. Das gilt insbesondere für sortenreine, lebensmitteltaugliche Kunststoffe.

  • Die aktuelle Verfügbarkeit von mechanischem PCR beurteilen über zwei Drittel der Marktteilnehmer als „knapp“ oder „ungenügend“.
  • Selbst optimistische Rechenmodelle zeigen, dass bis 2030 in Europa mehr PCR für Verpackungen gebraucht wird, als verfügbar sein wird.

Bis 2030 werden über 1 Million Tonnen PCR fehlen. Das entspricht dem Output von zehn neuen Großanlagen. Besonders kritisch wird es bei

  • Polypropylen (PP): hoher Bedarf in Food & Kosmetik, aber geringes Angebot an Food-Contact-Material
  • LDPE & Multilayer aus den haushaltsnahen Abfallströmen: technisch schwer zu recyceln, kaum hochwertiges PCR verfügbar
  • Food-Grade PCR (alle Polymere): unterreguliert, unterzertifiziert, unterproduziert

 

Ursachen der PCR-Knappheit

Der Mangel an PCR ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern Resultat struktureller Engpässe entlang der gesamten Wertschöp­fungskette.

  • Designbarrieren: Viele Verpackungen bestehen aus Multilayern, Farben oder Additiven, die das Recycling technisch und/oder wirtschaftlich erschweren.
  • Sortierqualität: Nicht alle Verpackungen werden korrekt entsorgt oder lassen sich zuverlässig sortenrein trennen.
  • Limitierte Recyclingkapazitäten: Besonders bei lebensmitteltauglichen Materialien ist das Angebot stark begrenzt.
  • Preiswettbewerb mit Neuware: Virgin-Kunststoffe sind durch volatile Ölpreise oft günstiger als PCR.
  • Cross-Industry-Konkurrenz: Auch Automotive, Bau oder Elektrik und Elektronik setzen zunehmend auf PCR. Rezyklate aus gebrauchten Verpackungen bedienen dadurch häufiger andere Zielmärkte und stehen für Verpackungen dann nicht zur Verfügung.

Noch markanter ist die Mangelsituation mit Blick auf kontaktsensitive Einsatzbereiche, die eine besondere Rezyklatqualität erfordern.

 

Exkurs: Mechanisches und Chemisches Recycling

Sowohl das mechanische als auch das chemische Recycling von Kunststoffen spielen für die Zielerreichung der PPWR-Vorgaben eine zentrale Rolle. Die Verfahren unterscheiden sich grundlegend in Technologie, Marktreife, Anwendungsbreite – und Verfügbarkeit.

Mechanisches Recycling

  • Ist aktuell das dominierende Verfahren zur Herstellung von PCR. Es ist seit Jahrzehnten etabliert und Standbein der Kunststoff-Kreislaufwirtschaft.
  • Beruht auf der Sortierung, Aufbereitung und Schmelzverarbeitung von Kunststoffabfällen.
  • Zu seinen Stärken zählen Wirkungsgrad, Kosteneffizienz und bewährte Erfahrungen.
  • Zu den Limitationen gehören Qualitätsverluste und eine eingeschränkte Eignung für kontaktsensitive Anwendungen.

Chemisches Recycling (z. B. Pyrolyse, Depolymerisation)

  • Ist technologisch in der Lage, auch komplexe Kunststoffstrukturen in ihre molekularen Grundbausteine zurückzuführen, die sich theoretisch wie Neuware weiterverarbeiten lassen.
  • Hat das Potential, neue Fraktionen wie beispielsweise Multilayer zu erschließen und Materialien mit Neuwaren-Qualität auch für Food-Contact zu erzeugen.
  • Hat je nach Technologie einen hohen Energiebedarf und/oder CO2-Fußabdruck, befindet sich oft erst im Aufbau oder im Pilotbetrieb und zählt derzeit in Deutschland noch nicht zur Rezyklatquote.
  • Trotz großer Pilotprojekte rechnen 88 Prozent der von uns befragten Stakeholder bis 2030 nicht mit substanziell höheren PCR-Mengen durch das Chemische Recycling.

Was zu tun ist: Markenartikler

Die PCR-Quoten im Rahmen der PPWR sind gesetzt und bleiben aller Voraussicht nach bestehen. Die Value-Chain der Verpackung sollte sie deshalb trotz aller Herausforderungen als Treiber und Triebkraft für die zirkuläre Transformation ansehen – und angehen.

Denn klar ist auch: Die Herausforderung ist nicht nur technischer, sondern vor allem wirtschaftlicher Natur. Wer sich jetzt nicht positioniert, zahlt ab 2030 deutlich mehr – oder scheitert an der Quote.

Chancen und Risiken für Markenhersteller

Die zentrale Leitlinie für Markenartikler sollte lauten: Compliance sichern und Differenzierung nutzen. Es gilt, den strategischen Wendepunkt in der Verpackungsindustrie zu nutzen.

  • Compliance-Risiko: Die Nichterfüllung gesetzlicher Quoten wird zu Strafzahlungen führen und einen Reputationsverlust zur Folge haben.
  • Versorgungs-Risiko: Ein fehlender Zugang zu PCR gefährdet Produktionssicherheit und Lieferfähigkeit.
  • Kosten-Risiko: Ressourcenknappheit erhöht Preisvolatilität und Margendruck

Wettbewerbsvorteil: Frühes Handeln sichert Preisvorteile und stärkt die Markenpositionierung.

 

Was zu tun ist: Kunststoffindustrie

Für die Kunststoffindustrie besteht angesichts geforderter PCR-Quoten bei gleichzeitigem Mangel an geeignetem PCR das Risiko, dass Kunden auf innovative faserbasierte Lösungen ausweichen. Allerdings stellen sich auch faserseitig Herausforderungen, beispielsweise mit Blick auf nötige Barrieren. Die Frage ist also: Wer kann zuerst seine Hausaufgaben erledigen, Kunststoff oder Papier?

Investitionen in Kunststoffrecyclinganlage können hier die Zukunftsfähigkeit sichern. Auch Innovation ist ein wichtiger Faktor, denn Kreislaufwirtschaft ist nicht zuletzt ein Wettbewerb verschiedener Kunststoffe.

 

Weitere Details und Informationen

Für weitere Informationen und Einblicke in die Ergebnisse unseres Lageberichts und der qualitativen Stakeholder-Befragung bieten wir Ihnen das Whitepaper, das Interzero auf Grundlage unserer Arbeiten veröffentlicht hat sowie die Präsentation unseres Vortrags im Rahmen der Future Resources Konferenz von Interzero in Köln am 5.11.2025.

Darüber hinaus stehen wir Ihnen natürlich auch persönlich für weitere Informationen zur Verfügung. Gerne besprechen wir mit Ihnen, welche Strategien und Optionen für Ihr Unternehmen optimal sind.


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    Matthias Giebel
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