Die News, dass es beim Kunststoffrecycling noch immer an vielen Stellen fehlt, ist keine News, sondern ein Allgemeinplatz. Neuer und weniger verbreitet ist die Erkenntnis, dass es beim Thema Kunststoffrecycling durchaus Bewegung gibt – und zwar in die richtige Richtung. Wir zeigen vier Beispiele für das Recycling von flexiblen Verpackungen und HDPE-Verpackungen, dem Einsatz von Polystyrol-Rezyklat sowie beim M&A-Zugriff auf die Ressourcen eines führenden europäischen Recyclers.
Recycling rückt zunehmend in den Fokus von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass sich in mehreren Bereichen der Wirtschaft trotz aller Probleme langsam spürbar etwas bewegt.
Beispiel 1:
Studie zu fortschriftlichen Recyclingtechnologien für flexible Verpackungen
Potenziale, aber auch noch viele Grenzen – das könnte unter dem Strich die Überschrift einer Studie sein, die die Initiative CEFLEX (Circular Economy for Flexible Packaging) gemeinsam mit der Universität Gent durchgeführt hat. Bewertet wurden verschiedene fortschrittliche Recyclingtechnologien.
Im Fokus standen fünf Ansätze:
- Delamination,
- Deinking,
- Dissolution,
- Kontaminantenentfernung und
- Advanced Wet Friction Washing.
Die Ergebnisse
zeigen, dass viele Verfahren technisch erprobt und teils bereits im Einsatz sind. So gibt es im Bereich Delamination (dem Trennen mehrlagiger Verpackungen wie beispielweise PE‑Alu) eine 32.000-Tonnen-Anlage in Deutschland. Beim „Cadel Deinking®“-Verfahren können bis zu 95 Prozent der Druckfarben entfernt werden. Das „Advanced Wet Friction Washing“ entfernt Oberflächenkontaminanten und liefert eine Rezyklat-Ausbeute von über 70 Prozent. Und das Verfahren Dissolution ermöglicht genau wie das Verfahren Kontaminantenextraktion (beispielsweise mit überkritischem CO₂) nahezu reinstes Material, was eine wichtige Voraussetzung für Anwendungen höchster Qualität ist.
Die Herausforderung
Die meisten Technologien existieren bislang nur im Pilot- oder Nischenmaßstab. Großflächige Anlagen fehlen, Materialkomplexität erschwert die Verarbeitung, und Investitionszyklen hinken politischen Vorgaben hinterher. Damit droht das Ziel der EU-Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR), die hohe Recycling- und Rezyklateinsatzquoten bis 2030 vorsieht und vorschreibt, zu scheitern.
CEFLEX betont, dass neue Verfahren wertvolle Beschleuniger bei der stofflichen Wiederverwertung flexibler Verpackungen sind, aber die Grundlagen wie optimiertes Verpackungsdesign und mechanisches oder chemisches Recycling nicht ersetzen. Erst im Zusammenspiel von Technologie, Markt, Gesetzgebung und Designoptimierung ließen sich hochwertige Rezyklate in größerem Maßstab gewinnen und der Kreislauf schließen.
Aus Sicht von BP Consultants ist die Studie und hier gezeigte Schaubild ein weiterer Beleg dafür, dass es beim Recycling nach wie vor noch an vielen Stellen fehlt. Gleichzeitig aber werden diese Lücken durch stetig fundiertere Analysen zumindest immer offensichtlicher.
Beispiel 2:
Schwarz Gruppe etabliert vollständiges Recycling von HDPE-Verpackungen
Aus dem Nachhaltigkeitsbericht 2024 der Schwarz Gruppe können wir entnehmen, dass ihre Umweltsparte PreZero den geschlossenen Wertstoffkreislauf für High-Density-Polyethylen (HDPE) konsequent vorantreibt. Dank modernster Recyclingtechnologie ist es PreZero gelungen, einen vollständigen Kreislauf für gebrauchte HDPE-Flaschen zu etablieren.
Sammlung: Ausgangspunkt sind private Haushalte, in denen die Flaschen über den Gelben Sack oder die Gelbe Tonne erfasst werden. In hochspezialisierten PreZero-Anlagen für Leichtverpackungen erfolgt anschließend die sortenreine Trennung des Materials. Um die Transporteffizienz zu steigern, werden die HDPE-Verpackungen zu Ballen gepresst und zur Recyclinganlage nach Grünstadt (Rheinland-Pfalz) transportiert.
Aufbereitung: Dort beginnt der eigentliche Aufbereitungsprozess: Zunächst sortieren die Anlagen die Flaschen nach Farbe, bevor sie zerkleinert, gründlich gewaschen und die entstehenden Kunststoffflakes in einem weiteren Schritt nachgereinigt werden.
Rezyklat und Verwendung: Das Ergebnis ist ein hochwertiges HDPE-Rezyklat, das sich in seiner Qualität für die Herstellung neuer Verpackungen eignet. Aus dem Material entstehen neue HDPE-Flaschen, die in den Filialen von Lidl und Kaufland bereits im Einsatz sind und unter anderem als Behälter für Reinigungsmittel und Shampoos Verwendung finden.
Bedeutung: Mit diesem geschlossenen Kreislauf zeigt PreZero, wie durch technische Innovation und konsequente Prozessgestaltung aus gebrauchten Verpackungen wertvolle Rohstoffe werden, die wieder in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden.
Für die Verpackungsindustrie eröffnet dies nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Perspektiven, indem hochwertige Rezyklate als nachhaltige Alternative zu Primärkunststoffen bereitgestellt werden.
BP Consultants ist der Meinung, dass es noch viel mehr dieser Ansätze durch die EPR-Systeme braucht, die den direkten Zugang zu den Wertstoffen haben. Damit lassen sich offensichtlich auch bei den so dringend benötigten Polyolefin-Rezyklate relevante Fortschritte erreichen.
Beispiel 3:
Agilyx steigt beim Grünen Punkt ein
Starke Allianz für mehr Verpackungsrecycling: Das in Oslo ansässige Unternehmen Agilyx ASA übernimmt 44 Prozent am Grünen Punkt, einem der führenden Akteure im europäischen Verpackungsrecycling. Agilyx ist ein Spezialist für chemisches Kunststoffrecycling mit operativen Wurzeln in den USA.
Die Transaktion im Wert von 52 Mio. EUR bewertet der Grüne Punkt mit rund 200 Mio. EUR. Der Grüne Punkt verarbeitet jährlich über eine Million Tonnen Verpackungsabfälle, davon mehr als 400.000 Tonnen Kunststoffe, und baut aktuell neue Sortierstandorte in Deutschland, Österreich und Italien auf. Für 2025 erwartet das Unternehmen einen Umsatz von rund 400 Mio. EUR bei zweistelligem EBITDA.
Mit dem Einstieg will Agilyx seine Präsenz in Europa stärken und gemeinsam mit dem Grünen Punkt eine globale Plattform für die Rohstoffversorgung der Advanced-Recycling-Industrie aufbauen. Der Grüne Punkt profitiert von zusätzlichem Kapital und dem Technologie-Know-how von Agilyx, um seine Recyclingkapazitäten deutlich zu erweitern.
Die Partnerschaft vereint marktführende Sammel- und Sortierinfrastruktur mit innovativer Recyclingtechnologie. Sie ist ein wichtiger Schritt hin zu höheren Recyclingquoten und hochwertigeren Rezyklaten – und damit zu einer zukunftsfähigen Kreislaufwirtschaft.
Häufig stellt BP Consultants in Diskussionen fest, dass es ein mangelndes Commitment der Kunststoff-Industrie gibt, sich den Zugriff auf die Wertstoffe zu sichern. Agilyx als Anbieter von Recyclingtechnologien zeigt nun auf, dass es durchaus auch andere sein können, die diesen Schritt wagen.
Beispiel 4:
Molkereibecher mit 30 Prozent Polystyrol-Rezyklat ausgezeichnet
Bei der Leistungsschau zum Deutsche Verpackungspreis traten 2025 über 200 Innovationen aus 15 Ländern in materialübergreifenden Kategorien gegeneinander an. Insgesamt gingen 37 Verpackungsentwicklungen als Gewinner hervor. Darunter waren auch mehrere Kunststofflösungen, die vor allem in den Kategorien Nachhaltigkeit und Recyclingfähigkeit überzeugten.
Der Molkereibecher mit 30 Prozent Polystyrol-Rezyklat der Müller Service GmbH ist einer dieser Gewinner. Der starre Kunststoffbecher für Molkereiprodukte ist bereits im Markt und enthält 30 % mechanisch recyceltes PS-Material.
Die Jury würdigt die Verpackung als innovative Rezyklatanwendung im Lebensmittelbereich. Sie trage zur hochwertigen Wiederverwertung von Polystyrol bei und verhindere, dass das Material im Downcycling ende. Durch die Reduzierung von Frischmaterialeinsatz und CO₂-Emissionen leiste die Lösung einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft.
Die Auszeichnung zeigt, dass mechanisch recyceltes Polystyrol nicht nur technisch machbar, sondern auch marktreif ist. Das ist ein starkes Signal für mehr Kreislauffähigkeit im Lebensmittelverpackungssektor.
BP Consultants sieht hier ein gelungenes Beispiel, das eindrucksvoll vor Augen führt, was im Bereich Circular Economy erreichbar ist. Zudem kann Polystyrol im Molkereiprodukte-Bereich Polypropylen in vielen Anwendungen relativ unproblematisch ersetzen, da PP den Nachweis der Kreislauffähigkeit noch nicht überzeugend erbracht hat.
