Ist Papier in der flexiblen Verpackung noch im Trend oder schon wieder vorbei? Die Frage steht im Kern einer viel diskutierten Transformation. Unter dem Schlagwort „Paperisation“ sorgt sie wie kaum ein anderes Thema für Dynamik in unserer Branche. Matthias Giebel stellte das Thema ins Zentrum seines Vortrags bei der INNOFIBER-Tagung von Innoform. Sein Fazit: Der Trend zum verstärkten Einsatz papierbasierter flexibler Verpackungen hält weiterhin an und erfährt sowohl regulatorisch als auch marktseitig Unterstützung. Aber es gibt auch Einschränkungen. Kurzum: Der Wettbewerb zwischen Papier- und Kunststofflösungen ist jedoch noch nicht entschieden. Eine umfangreiche Expertenbefragung deutet aber auf eine anhaltende Verschiebung hin. In unserem Beitrag erfahren Sie mehr.
Der Trend und sein Ausgangspunkt
Die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Industrie zur Kunststoffreduktion und Kreislaufführung von Kunststoffen hatten sich mit Blick auf die politisch erwünschten Ziele als unzureichend erwiesen. Erst die politischen Regulierungen brachten die avisierten Nachhaltigkeitsfortschritte. Die Circular Economy wird dabei als wirtschaftliches Leitmodell des Green Deals und des Clean Industrial Deal verstanden.
Ausgangspunkt für den Trend der sogenannten „Paperisation“ ist die europäische Verpackungsregulierung (PPWR). Über die PPWR sollen Verpackungsabfälle und Treibhausgasemissionen gesenkt und gleichzeitig Innovationen in recyclingfähigen Verpackungslösungen beschleunigt werden. Sie definiert Recyclingfähigkeit, industrielles Recycling und den Einsatz von Rezyklaten als zentrale Anforderungen.
Der regulatorische Druck betrifft inzwischen nicht mehr nur Europa, sondern entwickelt sich weltweit.
Vom spezifischen Material zur Ergebnisorientierung
Früher lautete die zentrale Frage „Papier oder Kunststoff?“. Inzwischen geht es jedoch nicht mehr um das Ringen zweier spezifischer Materialien, sondern darum, wer die regulatorischen Anforderungen und die damit verbundenen Ziele schneller und effizienter erfüllen kann.

Image Source: BP Consultants „Papier oder Kunststoff: Wer gewinnt den Innovations-Wettbewerb?“
Damit ist das Feld für einen Innovationswettbewerb bereitet, in dem aktuell besonders die Papierseite äußerst aktiv ist.
Pro und Contra
- Kunststoffe sind mit Blick auf Barriereeigenschaften und Funktionalität extrem etabliert und müssen hier wenig beweisen.
- Ihr großer Nachteil ist weiterhin das Fehlen eines geschlossenen Kreislaufs. Kunststoffe kämpfen dahingehend europaweit weiterhin vor allem mit einer uneinheitlichen Infrastruktur.
- Papierlösungen haben in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte bei Barriereeigenschaften und Funktionalität erzielt. Mehrere aktuelle Marktbeispiele zeigen, dass papierbasierte Lösungen inzwischen hitzesiegelfähig sind und mit Sauerstoff- sowie Mineralölbarrieren ausgestattet werden können.
- Gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen bei der tatsächlichen Recyclingfähigkeit von Papierverbunden. Sie zeigen, dass Papier nicht automatisch ein Selbstläufer ist.
Die Marktentwicklung
Nicht zuletzt durch die erzielten Fortschritte bei Barriereeigenschaften und Funktionalität sind papierbasierte flexible Verpackungen inzwischen in vielen Konsumgütersegmenten angekommen. Besonders stark vertreten sind sie in den Segmenten Süßwaren, Trockenlebensmittel und Körperpflegeprodukte.
Studien prognostizieren bis 2030 ein starkes Wachstum papierbasierter Verbunde in Europa, insbesondere durch die Substitution klassischer Kunststoffverpackungen.

Image Source: BP Consultants „Markteinführungen paperbasierter flexibler Barriere-Verpackungen“
Die Expertenbefragung weist den Weg
Ein wichtiger Faktor zur Beurteilung der Frage, wie es um die Zukunft papierbasierter flexibler Verpackungen steht, ist die Meinung derjenigen, die genau darüber entscheiden werden.
Wir haben als BP Consultants für Koehler Paper eine entsprechende Expertenbefragung durchgeführt und mit Markenartikler, Converter und Papier-Recycler gesprochen. Mit der freundlichen Erlaubnis von Koehler Papier können wir hier einige zentrale Erkenntnisse zeigen.

Image Source: BP Consultants „Stimmungsbild der Zielgruppen“
Auffällig ist: Die Befragung zeigt ein bemerkenswert einheitliches Stimmungsbild: Alle Zielgruppen erwarten bis 2030 deutlich mehr Papierverpackungen im europäischen Konsumgütermarkt.
Das Fazit
- Die Transformation ist längst keine Vision mehr, sondern operatives Tagesgeschäft. Faserbasierte Lösungen entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit weiter – technologisch, regulatorisch und entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Papier in der flexiblen Verpackung liegt weiterhin klar im Trend.
- Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Es geht nicht nur um Materialsubstitution. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Funktionalität, Skalierbarkeit und Wirtschaftlichkeit.
- Papier profitiert von regulatorischen Entwicklungen, hoher Verbraucherakzeptanz und technologischen Fortschritten, muss aber weitere Verbesserungen bei Recyclingfähigkeit und industrieller Kreislaufführung erreichen.
- Genau hier wird sich in den kommenden Jahren entscheiden, welche Konzepte sich nachhaltig durchsetzen. Der Wettbewerb zwischen Papier- und Kunststofflösungen ist noch nicht entschieden.
- Die Expertenbefragung deutet aber zumindest in Europa auf eine anhaltende Verschiebung in Richtung papierbasierten Verpackungslösungen hin.
Zum Weiterführen und Vertiefen
Auf den Webseiten von INNOFORM gibt es einen kurzen Bericht sowie ein Interview mit Matthias Giebel zum Vortrag.