EU will tausende Chemikalien verbieten. Steht auch PVC vor dem Exodus?

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Droht tausenden von Chemikalien in Europa bald das Ende? Die EU plant neue Beschränkungen, die eine Vielzahl potenziell schädlicher Substanzen auf eine schwarze Liste setzen soll. Bis zu 12.000 Chemikalien, darunter sogenannte “forever chemicals” mit langen Abbauzeiten könnten in den Geltungsbereich des Vorschlags fallen, den die EU in ihrem “Fahrplan für Beschränkungen” veröffentlicht hat. Auch zahlreiche Stoffe von Bedeutung für die Verpackungsindustrie sind betroffen. Die Regulierungen kommen ungebremst und Schlag auf Schlag. Das Thema der langen Abbaubarkeit von Chemikalien könnte für Kunststoffe gravierende Auswirkungen haben.

 

Selbst für Aktivisten sind die geplanten Beschränkungen im Rahmen des am 25. April 2022 von der EU publizierten Fahrplans die bislang strengsten überhaupt. Laut Industrieverbänden könnten letztlich bis zu 12.000 Stoffe in den Geltungsbereich des neuen Vorschlags fallen. Nach Angaben des Europäischen Umweltbüros (EEB) würde sich das Vorhaben zum “weltweit größten Verbot giftiger Chemikalien” auswachsen.

 

Hintergrund

Anfang 2022 läuteten Wissenschaftler die Alarmglocken. Die chemische Verschmutzung der Umwelt habe eine „planetarische Grenze“ überschritten. Es drohe der Zusammenbruch des globalen Ökosystems.

Die angeprangerte „synthetische Verschmutzung“ birgt nach Angabe der Wissenschaftler katastrophale Gefahren. Sie reichen vom Rückgang der menschlichen Fruchtbarkeitsrate über das Aussterben von Walarten bis hin zu zwei Millionen Todesfällen weltweit pro Jahr.

 

Die Pläne der EU

Der am 25.04. veröffentlichte “Fahrplan für Beschränkungen” der EU soll ein erster Schritt sein, um die Situation zu verändern und die Gefahren zu bannen. Dafür sollen vorerst bestehende Gesetze genutzt werden. Mit ihrer Hilfe sollen giftige Substanzen verboten werden, die mit Krebs, hormonellen Störungen, Fortpflanzungsstörungen, Fettleibigkeit, Diabetes und anderen Krankheiten in Verbindung gebracht werden. Der Fokus liegt unter anderem auf sogenannten “forever chemicals”, also Substanzen, die sehr lange Zeit benötigen, um sich auf natürlichem Weg abzubauen.

Neu an den Plänen der Regulierer ist vor allem, dass zum ersten Mal ganze Klassen von chemischen Stoffen verboten werden sollen. Betroffen wären beispielsweise Bisphenole, PVC-Kunststoffe, PFAs (Perfluoralkoxy-Polymere) und PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe). Eine breite Reihe ganz unterschiedlicher Produkte wie Flammschutzmittel, Kosmetika, Reinigungsmittel, Schmiermittel, Pestizide, Einwegwindeln und Granulate für Kinderspielplätze hätten dann ein großes Problem.

 

Folgen für die Verpackungsindustrie

Aber auch die Verpackungsindustrie muss sich auf die neuen Realitäten einstellen. Denn die Stoffe finden sich teilweise auch in Materialien mit Lebensmittelkontakt. Und besonders im Pharmabereich finden PVC-Kunststoffe aktuell noch viele relevante Anwendungsbereiche. Aber auch Farben und Klebstoffe geraten durch die umfassende Liste des Fahrplans in den Fokus.

 

Pläne für die Zukunft – und REACH

Die (vorerst) identifizierten Substanzen und Stoffe sollen nach den Plänen der EU auf eine “fortlaufende Liste” gesetzt und in Folge von der European Chemicals Agency (ECHA) als Grundlage für eine verordnete Beschränkung verwendet werden. Geplant ist, diese Liste regelmäßig zu überprüfen und zu aktualisieren. Für das Jahr 2027 ist dann eine umfassende und grundlegende Überarbeitung der Europäische Chemikalienverordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH) geplant.

 

Was fest steht

Fest steht schon jetzt, dass das Thema der langen Abbaubarkeit gewisser Chemikalien nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden wird. Der neue Fokus auf „forever chemicals“ kann massive Auswirkungen auf Kunststoff haben – und damit auch die Verpackungsindustrie in größerem Maß erreichen.

Wir sehen, dass die Regulierungen im Umweltbereich weiter ungebremst und massiv zunehmen. Die EU handelt schnell, konkret und konsequent. Die Zahl der Baustellen für unsere Branche wird weiter zunehmen. Umso wichtiger wird es sein, keine Flickschusterei zu betreiben, sondern die Zukunft mit voller Konzentration und mit einer klaren Strategie anzugehen.


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