Die unterschätzte Macht: ESG Ratings und EU Taxonomie Regulierung

Investoren und Regulierer erhöhen den Druck beim Thema Nachhaltigkeit. Ratings zu Environmental Social Governance (ESG) und die neue EU-Taxonomie Regulierung entwickeln sich zu Schlüsselfaktoren bei der Vergabe von Geldern und Aufträgen. Verfügbarkeit von Daten zu Produktionsprozessen und Lieferketten werden damit auch für die Verpackungsindustrie zur Richtschnur für Unternehmenserfolg. In einer zweiteiligen Serie zeigen wir, was hinter der Entwicklung steckt, was die Zukunft bringt und wie man sich wappnet.

 

Wer in Zukunft Investoren für sein Unternehmen gewinnen will, sich Geld auf dem Finanzmarkt besorgen oder als Lieferant Aufträge generieren möchte, der muss sich auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen. Denn ohne die transparente Darlegung einer guten Nachhaltigkeits-Performance werden diese Türen verschlossen bleiben.

Verantwortlich dafür sind parallele Entwicklungen bei Regulierern und Finanzmärkten, die Nachhaltigkeit zusehend messbar und ausschlaggebend machen. Zum einen das wachsende Bedürfnis der Gesellschaft und Politik, Nachhaltigkeit nicht als freiwilligen Zusatz, sondern als inhärenten Bestandteil eines Produktes zu erleben und zum anderen greift der wachsende Markt für Green Finance begierig nach den neuen Möglichkeiten der Nachhaltigkeitsbewertungen. Im Zentrum der Entwicklung stehen ESG-Ratings und die zum 1. Januar 2022 in Kraft tretende EU-Taxonomie.


ESG-Ratings

ESG-Ratings sind der Versuch, das Engagement eines Unternehmens für nachhaltige Geschäftspraktiken objektiv zu beurteilen. Sie beurteilen Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance).

  • Die betreffenden Faktoren werden branchenabhängig unterschiedlich gewichtet und konzentrieren sich auf die jeweils relevantesten und wesentlichsten Aspekte.
  • Die Anwendung von ESG-Ratings verbreitet sich zunehmend. Inzwischen gibt es weltweit bereits rund 150 spezialisierte Agenturen wie beispielsweise CDP, MSCI ESG Rating, SEDEX, EcoVadis, RobecoSAM & S&P Global ESG Score und Sustainalytics ESG Risk Rating.
  • Die Anfänge der ESG-Ratings gehen zurück bis in das Jahr 2005, als der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan den Anstoß zur Festlegung von Prinzipien für verantwortliches Investieren gab. Die Unterzeichner der „UN Principles for Responsible Investment“ verpflichteten sich dabei unter anderem freiwillig und unverbindlich zur Achtung von ESG-Kriterien als Leitmotive ihrer Investmententscheidungen, zum aktiven Engagement als Anteilseigner und zur Durchsetzung von Transparenz in Bezug auf ESG-Themen.


EU-Taxonomie

Ziel des EU-Taxonomie-Regelwerks ist die Etablierung von Anhaltspunkten für ökologisch nachhaltige Investitionen. Damit sollen Finanzströme in den Bereich nachhaltiger Technologien und Unternehmen gelenkt werden.

  • Die entsprechende Verordnung (EU) 2020/852 wurde von Rat und Parlament der EU am 22. Juni 2020 beschlossen und wird ab dem 1. Januar 2022 zur Anwendung kommen
  • Das Regelwerk ist Teil der Implementierung des Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. Gleichzeitig zahlt es auf die Umsetzung des von der EU gesetzten Ziels der Klimaneutralität bis 2050 ein.
  • Das Klassifizierungssystem soll erstmals ein standardisiertes Verständnis der Nachhaltigkeit von wirtschaftlichen Tätigkeiten in der EU schaffen. Dafür umfasst die EU-Taxonomie sechs Umweltziele:
    • Klimaschutz
    • Anpassung an den Klimawandel
    • Nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen
    • Wandel zu einer Kreislaufwirtschaft
    • Vermeidung von Verschmutzung
    • Schutz von Ökosystemen und Biodiversität
  • Der entscheidende Punkt: Alle Wirtschaftstätigkeiten werden im Rahmen des Regelwerks in Bewertungskategorien eingeteilt, die von umweltfreundlich über Transition bis hin zu nicht zukunftsfähig reichen.


Unternehmen am Pranger

Viel deutlicher könnte das Zeichen kaum sein: Der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock hat im Sommer 2020 gleich 244 Unternehmen öffentlich an den Pranger gestellt. Gerügt wurden unzureichende Fortschritte beim Klimaschutz.

In 53 Fällen verweigerte Blackrock sogar einzelnen Mitgliedern des Aufsichtsrats oder dem gesamten Gremium die Zustimmung. Die restlichen 191 Unternehmen setzte der Vermögensverwalter auf eine Negativ-Watchlist und kündigte für den Fall ausbleibender wesentlicher Nachhaltigkeitsfortschritte in 2021 ein negatives Votum gegen die Unternehmensführung an.

Betroffen davon sind auch deutsche „Vorzeigeunternehmen“ wie Siemens, Uniper, Mercedes Benz, Lufthansa und HeidelbergCement.


Die neue Macht

An der Bereitstellung detaillierter Daten zu Produktionsprozessen und Lieferketten führt in Zukunft kein Weg vorbei. Neue Gelder vom Kapitalmarkt, Berichterstattung an Investoren, die Gewinnung neuer Kunden oder Aufträge – das alles wird von der guten Unternehmens-Performance in Bezug auf die ESG-Kriterien abhängen. Schon jetzt sind entsprechende Ratings in bestimmten Bereichen ein verpflichtendes Kriterium, um als Lieferant den Markteintritt zu meistern.

Noch wird die Bedeutung von ESG-Ratings in der Industrie zu oft unterschätzt. Dabei sind sie ohne Wenn und Aber eine neue Macht in Bezug auf den Unternehmenserfolg. Getrieben durch den steigenden regulatorischen Druck der EU und die Suche des Finanzmarktes nach neuen Möglichkeiten im Bereich von Green Finance werden sie zum Treiber oder Stolperstein für Unternehmen.


Das richtige Rating für mein Unternehmen

Wie bereits erwähnt, werden die unterschiedlichen ESG-Faktoren branchenabhängig differenziert gewichtet. Sie konzentrieren sich dabei auf jene Aspekte, die für die Branche jeweils die größte Relevanz und Bedeutung haben – und ziehen entsprechend unterschiedliche Ratings nach sich.

 

Im zweiten Teil unserer Serie stellen wir Ihnen die relevantesten Ratings für die Verpackungsbranche vor und skizzieren, wie Sie als Unternehmen erfolgreich bestehen.

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    Ihr Ansprechpartner

    Jenny Walther-Thoß

    walther-thoss@bp-consultants.de