Mehrweg für die Kreislaufwirtschaft: Hier gibt es noch viel Spielraum

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In unserem vierten Beitrag rund um die Ellen MacArthur Foundation (EMF) schauen wir auf das Thema Mehrweg und evaluieren ihren Einsatz in der Praxis. Welche Potentiale gibt es? Welche bleiben bislang weitgehend ungenutzt? Wie ist die Lage bei Primärverpackungen? Wo liegen die Probleme bei der Umsetzung? Denn auch wenn innovative Mehrwegkonzepte bisher kaum als Hebel zur Etablierung der Kreislaufwirtschaft genutzt werden und ihr Beitrag trotz zahlreicher Pilotprojekte noch verschwindend gering ist: In Zukunft wird ihre Bedeutung größer sein.

 

Für die Ellen MacArthur Foundation sind Mehrwegsysteme eine Möglichkeit, die Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Aber wie steht es aktuell um den Einsatz von Mehrwegsystemen in der Praxis.

Verfolgt man die Berichterstattung in den Fachmedien, dann entsteht der Eindruck, dass Mehrweg eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Das Thema wird regelmäßig aufgegriffen und behandelt. Aber wie sieht es in der Praxis aus? Und gibt es Unterschiede im Hinblick auf den Einsatz bei Primär- und Transportverpackungen?

Diese Differenzierung ist sinnvoll, weil Mehrwegverpackungen einerseits Einweg-primärverpackungen ersetzen können, wie beispielweise Joghurt im Glas- anstatt im Kunststoffbecher. Andererseits können Mehrwegsysteme auch als Transportverpackung Verwendung finden, beispielsweise in Form von Kunststoffkisten in der unternehmensinternen Logistik oder bei Obst- und Gemüsetransporten.

 

Mehrweg-Potential bei Primärverpackungen

Theoretisch können Mehrwegkonzepte ein wichtiger Hebel für die Kreislaufwirtschaft sein. Entsprechende Berechnungen belegen ihren hohen Nutzen. So legt eine Ende 2021 vorgelegte Studie von SystemIQ und WWF dar, dass Kunststoffabfälle bis 2040 durch den Einsatz von Mehrweg um bis zu 23% reduziert werden könnten. Das entspräche immerhin 909 Kilotonnen.

Auch das Marktpotential ist vielversprechend. Unter der Annahme, dass 20% der aktuellen Einwegkunststoffverpackungen in Reuse-Modelle konvertiert werden, ergibt sich ein potentielles Marktvolumen von rund 10 Milliarden US-Dollar.

 

Umsetzungsgrad bei Primärverpackungen

Geht man von der Theorie und potentiellen Zukunftsszenarien in die Praxis der Gegenwart, zeigt sich ein deutlich anderes Bild.

  • So ist der Anteil wiederverwendbarer Kunststoffverpackungen mit weniger als 2% der gesamten Kunststoffverpackungen nach wie vor sehr gering. Insgesamt ist der Anteil nach EMF-Angaben von 1,8% in 2019 auf 1,6% in 2020 gesunken.
  • Stark angestiegen ist dagegen die Anzahl der Mehrweg-Pilotprojekte. 57% der EMF-Unterzeichner haben Wiederverwertungsmodelle im Einsatz. 14% führen entsprechende Pilotprojekte durch, im Vorjahr waren es erst 9%.

Sucht man nach Gründen für den rückläufigen Trend beim Einsatz von Mehrwegkonzepten, könnte ein Grund im vermehrten Einsatz von Refill-Konzepten liegen. Als Beispiel sei PepsiCo mit SodaStream genannt.

 

Praxisbeispiele für Mehrweg bei Primärverpackungen

Typischerweise stammen Mehrwegkonzepte, wie sie in Berichten der Fachpresse immer wieder gespielt werden, vor allem aus der Gastronomie. Das ist kein Zufall, da es in diesem Bereich inzwischen regulatorische Vorgaben gibt. In Deutschland wurden entsprechende Neuregelungen im Verpackungsgesetz verankert. Beispiele für praktische Einsätze und Pilotprojekte sind:

  • Recup: Der Recup-Becher wird für den Außerhausverkauf von Kaffee genutzt. Das System ist nach Angaben von Recup mit über 10.600 Ausgabestellen das größte Pfandsystem für die Gastronomie in Deutschland. Das Pfand beträgt 1 Euro. Nach dem Becher hat Recup jetzt auch die Rebowl für den Take-away-Bereich nachgeschoben.
  • Vytal: Vytal hat ein ähnliches Konzept wie Recup, bietet jedoch mehr unterschiedliche Verpackungen für To-Go-Essen und Lieferdienste an. Ein weiterer Unterschied: Das App-basierte Vytal-System ist für Konsumentinnen und Konsumenten pfandfrei, solange sie die Behälter innerhalb einer Frist zurückgegeben.
  • McDonalds: Der größte Systemgastronom Deutschlands bietet im Rahmen eines Pilotprojekts in ausgesuchten Filialen Getränke und Desserts in Mehrwegbehältern an. Bis Ende 2022 will der Fast-Food-Gigant dieses System deutschlandweit ausrollen.

Innovative Mehrwegkonzepte jenseits der Gastronomie finden sich in der Berichterstattung deutlich seltener. Eine Ausnahme ist das Projekt Loop.

  • Loop agiert bislang nur in den USA, UK und Frankreich. Das Projekt bietet Markenprodukte in speziell geschaffenen Mehrwegverpackungen an. Diese können im Supermarkt retourniert werden. Zu den Teilnehmern gehören Marken wie Nutella, Coca-Cola, Heinz und Persil. Ursprünglich hatte Loop über einen eigenen Onlineshop auch das „Milkman-Prinzip“ neuerfinden wollen, bei dem Produkte in Mehrwegverpackungen geliefert und die geleerten Verpackungen bei der nächsten Lieferung auch wieder mitgenommen werden. Von diesen Plänen scheint Loop jedoch inzwischen Abstand zu nehmen. Auch am weiteren Ausrollen des existierenden Konzepts wird nach jetzigem Wissenstand nicht gearbeitet.

 

Umsetzung und Praxis bei Transport und Intralogistik

Bei Transportverpackungen ist Mehrweg bereits deutlich mehr als eine Nische. Mehrwegsysteme nehmen hier einen beträchtlichen Teil der insgesamt eingesetzten Transportverpackungen aus. Auch in der Intralogistik ist der Mehrweganteil hoch. So ist mit GS1 eine neue Mehrweg-Standard-Kiste auf den Markt gekommen. Diese soll den Logistikaufwand für Handels- und Industrieunternehmen senken.

 

Pro und Contra Mehrweg

Ein Grund, warum sich Mehrwegsysteme bislang nicht in größerem Maßstab durchgesetzt haben, dürfte in Unklarheiten bezüglich ihrer Vorteilhaftigkeit liegen. Das betrifft auch Nachhaltigkeitsaspekte.

  • Müllvermeidung und Rohstoffeinsatz: Hier haben Mehrwegmodelle klare Vorteile.
  • CO2-Fußabdruck: Hier ist die Sachlage weniger eindeutig, da Belastungen aus Reinigung, Transport und Logistik mitbedacht werden müssen.

Insgesamt finden sich sowohl für Pro- als auch für Contra-Faktoren entsprechende Studienergebnisse. Selbst im Bereich der Mehrwegtransportverpackungen sind die Meinungen gespalten.

  • So zeigt die Studie „Carbon Footprint von Verpackungssystemen für Obst- und Gemüsetransporte in Europa“ der Initiative Mehrweg und des Fraunhofer Instituts von 2018, dass die Treibhausgasemissionen des Mehrwegsystems für Obst- und Gemüsetransporte bei angenommenen 50 Umläufen rund 60% geringer sind als die des Einwegsystems.
  • Eine vom Verband der Wellpappen-Industrie (VDW) gemeinsam mit dem Institut für Handelsforschung Köln (IFH) 2021 durchgeführte Studie besagt, dass Mehrwegverpackungen im E-Commerce von Kundinnen und Kunden als weniger nachhaltig wahrgenommen werden und User zudem nicht gewillt sind, den Zusatzaufwand in Kauf zu nehmen.

 

Die Zukunft von Mehrweg

Mehrwegverpackungen sind nach aktuellem Stand politisch gewollt und systemisch betrachtet bei richtiger Umsetzung ein Schlüssel für den Erfolg der Kreislaufwirtschaft. Auch das Umweltbundesamt und viele NGOs haben sich daher auf Mehrweg festgelegt. Entsprechend können wir uns darauf einstellen, dass Regulatoren vermehrt verbindliche Vorgaben zu Mehrwegquoten machen und gleichzeitig die Hürden für den Einwegeinsatz erhöhen, wie das beispielsweise durch die Einweg-Plastik-Richtlinie schon geschieht.

 

Königsklasse, wenn…

Die ökologische Vorteilhaftigkeit hängt an der richtigen und großflächigen Umsetzung der Mehrwegkonzepte und der Bereitschaft aller Beteiligten zu Kompromissen. Mehrwegkonzepte verlangen nach Standardisierungen und zwingen das Marketing zu Abstrichen bei der individuellen Verpackungsgestaltung. Wir bei B+P sind von Mehrwegkonzepten als „Königsklasse der Kreislaufwirtschaft“ überzeugt.


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